Kaiserin Augusta - Politischer Kopf
KAISERIN AUGUSTA von Thomas Weiberg
Shopping-Träume, Taufpate Goethe und zaristische Verwandschaft
„Mein bester Wilhelm! … Mein heutiger Brief sucht Dich in Frankfurt auf … Ich sehe Dich dort in Gedanken umhergondeln, und zwar, was die Engländer shopping nennen, in den Läden aus- und eingehen.“ So schrieb die damalige Prinzessin Auguste von Preußen am 22. Juni 1838 ihrem Gemahl, dem Prinzen Wilhelm.
Offenbar beneidete sie...
Offenbar beneidete sie ihren Mann um diese Shoppingtour in der eleganten Mainmetropole.
- Thronfolgerpaar Auguste und Wilhelm
- Liberale Beinflussung
- Klarster politischer Kopf und wärmstes patriotisches Herz
- Freundin Queen Victoria
- Deutsche Kaiserin seit 1871
- Würdige alte Kaiserin
Wer war diese Dame, die von der Prinzessin über die Königin von Preußen zur ersten deutschen Kaiserin avancierte, die Namensgeberin zahlreicher Schulen, Straßen und Plätze wurde und bis heute wenig bekannt ist? Einer ihrer Taufpaten war der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe - und ihre Wiege stand in Weimar. Dort wurde Prinzessin Auguste am 30. September 1811 als Enkelin des berühmten Goethe-Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach geboren. Angesichts der schillernden Verwandtschaft - ihre Urgroßmutter war Zarin Katharina die Große, ihre Großväter waren eben der Goethe-Herzog und Zar Paul – seien Charakterspannungen nicht verwunderlich, schrieb ihre kluge Biographin Marie von Bunsen im 20. Jahrhundert. Hochgebildet, beeinflußt vom weitgespannten geistigen Klima der späten Goethezeit in Weimar, war Prinzessin Auguste (Augusta sollte sie sich erst als Königin ab 1861 nennen) eine Frau, die während ihres gesamten Lebens nicht nur an der Seite eines Mannes existieren, sondern selbständig denken und ihre Meinung äußern wollte. War man im kleinen Weimar mit Herzogin Anna Amalie (Augustes Urgroßmutter) und Großherzogin Maria Pawlowna (Auguste Mutter) selbstbewußte Frauen bereits gewohnt, so tat man sich in Berlin, wohin Auguste im Sommer 1829 verheiratet wurde, schwer damit, daß die neue Prinzessin sich ungefragt an Unterhaltungen der Männer beteiligte und zu politischen Themen eine wohlüberlegte Meinung äußerte. Ihr Mann, Prinz Wilhelm von Preußen, ein Sohn der legendären Königin Luise, war damit jedenfalls nicht einverstanden, wie er schon 1830 seiner Schwester Alexandrine nach Schwerin schrieb.
Thronfolgerpaar Auguste und Wilhelm
Eine Liebesheirat war es nicht, die Auguste und Wilhelm verband, beide lebten eher neben- denn miteinander. Er kümmerte sich um das Militär und die Damen des Königlichen Theaters, sie kümmerte sich um den Bau der Sommerresidenz Schloß Babelsberg, dessen großartiger Landschaftspark von Fürst Pückler auf Augustes Wunsch nach dem Vorbild der Weimarer Parks angelegt wurde. 1831 wurde der Sohn Friedrich Wilhelm geboren (der 1888 als Kaiser Friedrich III. für 99 Tage regieren sollte), 1838 folgte die Tochter Luise (Großherzogin von Baden). 1840 starb König Friedrich Wilhelm III., Augustes Schwiegervater. Neuer König wurde ihr kinderloser Schwager Friedrich Wilhelm IV. - Auguste und Wilhelm wurden das offizielle Thronfolgerpaar mit einer Fülle neuer Aufgaben. In diesen Jahren entstand Augustes Freundschaft zu Königin Victoria von Großbritannien - beide selbstbewußte und energische Damen blieben bis zu Augustes Tod im Januar 1890 in enger Verbindung, wobei es zwischen Prinz Wilhelm und dem britischen Prinzgemahl Albert zu keiner freundschaftlichen Annäherung kam, wie es Auguste gehofft haben mag.
Liberale Beinflussung
Auguste war in politischer Hinsicht liberal eingestellt, sah sich Großbritannien und den von dort kommenden Ideen näher als Rußland, der Heimat ihrer Mutter, das sie als Zitadelle der Reaktion bezeichnete. So sorgte sie während der Revolution von 1848 dafür, daß ihr als Reaktionär berüchtigter Gatte Prinz Wilhelm nach Großbritannien und nicht nach Rußland in ein sicheres Exil gebracht wurde - und hoffte auf eine Beeinflussung im Sinn des Liberalismus. Unterdessen erwogen liberale Kreise in Berlin nach einer möglichen Abdankung König Friedrich Wilhelms IV. Augustes Sohn Friedrich Wilhelm auf den Thron zu setzen und seine Mutter bis zu seiner Volljährigkeit (1849) als Regentin zu installieren. Auguste stimmte weder zu, noch lehnte sie ab - statt dessen wartete sie. Der König blieb jedoch, Prinz Wilhelm kehrte aus London zurück, und beide empfingen im April 1849 die Delegation der Paulskirchen-Parlamentarier, die dem preußischen König die deutsche Kaiserkrone angeboten hatte, was Friedrich Wilhelm IV. allerdings schroff zurückwies.
Klarster politischer Kopf und wärmstes patriotisches Herz
Auguste sei am preußischen Hof der klarste politische Kopf und das wärmste patriotische Herz, stellte der Liberale Karl Biedermann, der ebenso wie Ernst Moritz Arndt der Delegation angehört hatte, rückblickend fest. Augustes hochfliegende Hoffnungen auf eine Reichseinigung unter liberalen Vorzeichen waren zerstoben. Um die innenpolitische Lage in Preußen etwas zu entspannen und gleichzeitig das Rheinland unter Kontrolle zu halten, war Wilhelm im Oktober 1849 zum Militärgouverneur am Rhein und in Westfalen ernannt worden. Der Prinz und die Prinzessin sollten nun im Koblenzer Schloß residieren. Augustes glücklichste Jahre begannen mit dieser Umsiedlung in die liberalere weltoffene Rheinprovinz, fernab vom verknöcherten Berliner Hof und dem militärisch geprägten Potsdam. Zuvor allerdings wurde Auguste von ihrem Mann und ihrer Mutter (die sich Wilhelm aus Hilflosigkeit zur Helferin gewählt hatte) mit einem politischen Maulkorb versehen. Sie sollte nicht mehr politisieren - und schon gar nicht in liberaler Weise. Auguste lenkte ein, fügte aber hinzu, sie wisse nicht, ob sie die Kraft haben werde, abstinent zu bleiben. Es blieb bei diesem Vorsatz, bald versammelte Auguste in Koblenz einen Kreis liberal-konservativer Männer um sich und bildete eine Art Opposition zum reaktionären Berliner Hof. Es gelang ihr sogar, Wilhelm zeitweilig zu beeinflussen. Der erzkonservative Politiker und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck, der Auguste in herzlicher Feindschaft lebenslang verbunden war (die Abneigung war gegenseitig) nannte sie in jenen Jahren verächtlich den Drachen vom Rhein.
Freundin Queen Victoria
1851 reiste das Prinzenpaar zur epochalen Weltausstellung nach London – zunächst gegen den Widerstand des Königs und seiner Kamarilla. Die kluge Auguste unternahm diese Reise auch, um bei ihrer Freundin Queen Victoria zu sondieren, ob die geneigt sei, ihre älteste Tochter Victoria mit Augustes Sohn Friedrich Wilhelm zu verheiraten - und so Preußen künftig „von oben“ zu liberalisieren. Das Interesse an einer solchen Verbindung bestand beiderseits - und so kam es dann Anfang 1858 zur Hochzeit. Im Januar 1859 wurde dann Augustes erster Enkel, der spätere Kaiser Wilhelm II geboren.
Deutsche Kaiserin seit 1871
Unterdessen hatte sich die Situation in Preußen nachhaltig geändert. König Friedrich Wilhelm IV. hatte, gezeichnet von wiederholten Schlaganfällen, 1858 seinen Bruder Wilhelm zum Regenten Preußens eingesetzt, Augusta war zur Regentin geworden. 1861 starb Friedrich Wilhelm IV. in Potsdam. Es erhob sich die Frage der Thronfolge. Auguste favorisierte ihren 30 Jahre alten Sohn und seine britische Frau Victoria als künftiges Königspaar, das Preußen in eine liberale Zukunft führen sollte. Doch es kam anders - der 64 Jahre alte Wilhelm krönte sich in Königsberg zum König, Auguste, die sich nun vornehm-royal Augusta nannte, wurde Königin. In einer schweren innenpolitischen Krise wurde 1862 Otto von Bismarck dann zum preußischen Ministerpräsidenten berufen und sollte den Gang der Politik für die kommenden 30 Jahre bestimmen. Infolge seiner Politik kam es schließlich 1871 zu einer Reichseinigung „von oben“, die Fürsten proklamierten Wilhelm durch Bismarcks geschickte Regie in Versailles zum Kaiser eines geeinten deutschen Bundesstaates. Auguste war nun deutsche Kaiserin.
Presseschau mit "Alter Fregatte"
Hatten Wilhelm und Auguste seit 1829 schon mehr neben- als miteinander gelebt, so verschärfte sich dieser Gegensatz nun noch. War das Königspaar gemeinsam in Schloß Babelsberg bei Potsdam, versuchte Auguste ihren Gemahl morgens bei dem gemeinsamen Frühstück mit einer liberalen Diskussion und Presseschau zu beeinflussen, eine Maßnahme die Bismarck durchaus fürchtete, denn es fiel ihm dann um so schwerer, seinen Herren wieder auf den konservativen Kurs zu bringen. Die alte Fregatte wie Bismarck Auguste nannte, belauschte unfein aber informativ hinter Türen und durch die Röhren der Warmluftheizung die politischen Gespräche ihres königlichen Gatten mit dem Ministerpräsidenten, bis eine Freundin Augustas einer Hofdame ihre Handschuhe reichte, um das Rohr zu verstopfen.
Farbenfrohe Pazifistin
Auguste war durch und durch Pazifistin und stand der kriegerischen Politik Preußens und Bismarcks völlig ablehnend gegenüber. Sie engagierte sich denn auch massiv im Roten Kreuz und dem Vaterländischen Frauenverein, um die Not von Soldaten und Zivilisten in den Kriegen 1863, 1866 und 1870/71 zu lindern. Als im preußisch-französischen Krieg 1870 das von ihr sehr geliebte Paris bombardiert werden sollte, erbat sie von ihrem Feind Bismarck die Schonung der Stadt als Geburtstagsgeschenk. Bismarck rächte sich an der politisch engagierten, seine Kreise immer wieder störenden Auguste, in dem er die konservative Presse auf die Kaiserin und Königin hetzte und herabsetzende Artikel lancierte, die dazu führten, daß Auguste in weiten Kreisen der Bevölkerung unpopulär erschien. Die Zeitgenossen betonten denn auch eher das, was ihnen an der selbstbewußten Herrscherin negativ auffiel - daß sie sich nämlich kräftig schminkte, um einen Glanz der Jugend zu bewahren - und selbst im Greisenalter nicht davor zurückschreckte, sich in kräftigste Farben zu kleiden. Das große karitative Engagement, ihr Eintreten für Mädchenbildung - das alles galt als selbstverständlich und fand eher in aller Stille statt.
Waffenstillstand mit Bismarck
Auch privat schlug die Bilanz nicht immer zu Augustes Gunsten aus - war die lange Ehe mit Wilhelm schon schwierig genug, hatte sie den Gemahl in politischer Hinsicht an Bismarck und die konservativen Kräfte verloren. Auch den Kampf um den Sohn Friedrich Wilhelm verlor sie - gegen die selbstbewußte, politisch ebenfalls sehr interessierte Schwiegertochter Victoria, die ihr eine Bundesgenossin hätte sein können. Beide Frauen waren einander zu ähnlich, als daß sie einträglich miteinander auskommen konnten. Auguste resignierte zunehmend, sah sich auf ihre karitativen Tätigkeiten reduziert - und ging einen Waffenstillstand mit Bismarck ein. Wie Auguste einst in Koblenz, so installierte ihre Schwiegertochter nun einen liberalen, den Neuerungen der Zeit aufgeschlossenen Nebenhof in ihrem Berliner Palais, die Gegensätze ließen sich nicht mehr überbrücken. Einen Kampf aber gewann Auguste noch auf dem Feld der Familienpolitik - ihr Enkel Wilhelm entfremdete sich zunehmend von seinen Eltern und fühlte sich am Hof seiner Großeltern (und im Fahrwasser der konservativen Politiker) deutlich wohler. 1881 heiratete dieser Enkel Wilhelm die zurückhaltende Prinzessin Auguste Victoria zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, die, ohne politische Ambitionen, bestens mit der „Schwiegergroßmutter“ harmonierte (zum großen Ärger ihrer eigenen Schwiegermutter Victoria).
Würdige alte Kaiserin
Große Ereignisse waren die Goldene Hochzeit 1879 und der 90. Geburtstag Kaiser Wilhelms I. 1887; Augustes Sohn Friedrich Wilhelm erkrankte 1887 an Kehlkopfkrebs und bestieg nach dem Tod seines greises Vaters im März 1888 todkrank den Thron. Ein Luftröhrenschnitt hatte den neuen Kaiser seiner Stimme beraubt - und Auguste äußerte sich nun in Briefen an ihren Bruder Carl Alexander (Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach) in schockierender Offenheit, daß sie die Genesung ihres Sohnes nicht wünsche, da er als Mensch und Monarch so schwach sei. Den Tod dieses Sohnes erlebte Auguste im Juni 1888 fern von Potsdam in Baden-Baden. Eineinhalb Jahre verblieben der seit 1881 fast nur im Rollstuhl sitzenden Auguste noch, bis sie selbst am 7. Januar 1890 starb, nach dem sie noch drei Tage zuvor eine Delegation hochrangiger Militärs empfangen hatte. An der Seite ihres Mannes wurde sie im Mausoleum hinter dem SchloßCharlottenburg beigesetzt. Ihr Nachleben war das damals übliche - ein Denkmal auf dem Berliner Opernplatz neben ihrem Palais zeigte die würdige alte Kaiserin, Schulen und Straßen wurden nach ihr benannt. Das Denkmal auf dem Opernplatz hat der Zweite Weltkrieg verschlungen, die Kaiserin-Augusta-Straße in Tempelhof und die Kaiserin-Augusta-Allee - von Moabit bis Charlottenburg - erinnern bis heute an die Kaiserin.
(Thomas Weiberg – Historiker)
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